Geschichte Neiden


"Bin ich in Norwegen?" fragte sich Bischof Bøckmann, als er 1898 am sandigen Flussufer in Neiden entlang wanderte. Er hörte eine fremde Sprache, und aus den kleinen Hütten drangen seltsame, melancholische Lieder. Noch empörender war vielleicht die starke Religiosität, die er unter den finnischen Einwohnern vorfand. Dies waren keine Mietglieder seiner Gemeinde, sie hingen vielmehr dem schwedischen Laienprediger Lars Levi Laestadius an. Sie hielten Gottesdienst in Privathäusern, sangen und lauschten stundenlangen Predigten, die von gewöhnlichen Männern gehalten wurden. Nicht von Pfarrern und auf finnisch! Der Bericht des Bischofs war geharnischt und bekam grosse Bedeutung für die 200-300 Einwohner des Tals. Bald danach wurde eine Kirche im Stabkirchenstil gebaut, und ein Internat. Hier sollte die norwegische Sprache und Gesellschaft gefestigt werden. Das 19. Jahrhundert veränderte Neiden. Seit undenklichen Zeiten war Neiden der Sommerwohnplatz der nomadisierenden Ostsamen gewesen. Im Frühjahr hielten sie sich an der Varangerküste und im Winter nördlich des Inarisees in Finnland auf. Der Fluss sicherte ihnen gute Lachsfänge. Im Wasserfall fischten sie mit Wurfnetzen, den sog. lievjeled. Nahe am Fluss begruben sie auch ihre Toten. Natürlich an der russisch-orthodoxen St. Georgskapelle. Schon seit dem 16. Jahrhundert hatte es hier eine Kapelle gegeben. Seit der Zeit als Ivan der Schreckliche Zar von Russland war. Die samischen Familien in Neiden lebten über Generationen ungestört - vielleicht ein-, zwei- oder auch viertausend Jahre lang. Ohne Konkurrenten. Bis der Frost so sehr in Finnland wütete, dass die finnischen Bauern und Holzfäller nach Norden zogen. Das Flusstal in Neiden war grün und fruchtbar. Es gab Schwärme von glänzenden Lachsen. Und niemand beackerte den Boden. Die norwegischen Behörden stellten Schriftstücke aus, die die finnischen Einwanderer zu Grundbesitzern machten. Später bekam die neue Bauernbevölkerung auch das Recht zum Lachsfischen. Sie machten es wie die Ostsamen mit Wurfnetzen und nannten es Käppälä - benannte nach der Methode, die die Bären anwenden, wenn sie sich Lachse aus dem Wasserfall holen: mit der Tatze. Es kam zur Kollision der unterschiedlichen Lebensweisen. Die Ostsamen wurden allmählich im Gebiet rund um die Kapelle und den Friedhof zusammengedrängt. Sie hielten sich nur während einiger Sommermonate hier auf und konnten ihre Rechte kaum verteidigen. Ihre Nutzung der Sommerweiden war bedroht. 1826 hatten die Grenzkommissare mir ihren Leuten die Grenzlinie zwischen Norwegen, Russland und dem Grossherzogtum Finnland gezogen - auch in Neiden. Die Grenze zerschnitt das Gebiet der ostsamischen Familien. Damit war das Schicksal eines tausendjährigen Durchzugsgebiets der Rentier besiegelt. Die Samen in Neiden waren ihrer Lebensgrundlage beraubt. Das ist lange her. Aber die historischen Zeugnisse sind auch heute noch deutlich erkennbar: die Kirche mit ihren Drachenköpfen ist frisch gestrichen, die St. Georgskapelle hat ein neues Dach bekommen, noch immer wird im Wasserfall an schönen Sommertagen der Käppälä-Fischfang betrieben. Samen, Quänen und Norweger ziehen Seite an Seite das Silber des Flusses aus dem Wasser. Aber niemand spricht mehr die ostsamische Sprache. Ein Verlust für Neiden - ein Verlust für uns alle.


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